Per Klick durchs KZ?

In der FAZ vom 25. Januar 2017 wurde folgender Artikel von Rieke Trimçev und mir publiziert (wobei es sich um eine gekürze Version dieses Texts handelt):

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2017, Nr. 21, S. N4

Vergnügter Tabubruch: Per Klick durchs KZ?

Auf der großangelegten wissenschaftlichen Tagung “Thinking Through the Future of Memory” in Amsterdam wurde kürzlich eine internationale Fachvereinigung der Erinnerungsforschung ins Leben gerufen. Für eine Kontroverse sorgte Wulf Kansteiner, ausgewiesene Autorität in Sachen Holocaust-Erinnerung von der Universität Aarhus, der offensiv für ein starkes Engagement der neuen Fachvereinigung in allen Praxisfeldern der Erinnerung eintrat und auf die kommerziellen Möglichkeiten für die stets mittelarme Wissenschaft verwies. Die neue “Memory Studies Association” solle nicht nur das Geschichtsfernsehen beraten, sondern auch auf der Höhe der technischen Entwicklung an einem “Auschwitz Video Game” mitarbeiten.

Kritik wies Kansteiner im Namen des Rechts auf freie Meinungsäußerung zurück. Auf perplexe Nachfragen erläuterte er das Kalkül hinter dem vergnügten Tabubruch: Gerade die bei ihrer Erstausstrahlung 1979 in Deutschland höchst kontrovers aufgenommene Fernsehserie “Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss” habe der Bundesrepublik zu einer neuen Stufe der Reflexion auf die eigene Vergangenheit verholfen. Ein neuer Skandal, der die vom Sterben der Zeitzeugen unter Druck gesetzte Holocaust-Erinnerung neu beleben würde, ließe sich bewusst inszenieren und wie die Serie “Holocaust” in die Entstehung eines “kosmopolitischen Gedächtnisses” einreihen.

Die akademische Erinnerungskultur floriert, seit der französische Historiker und Publizist Pierre Nora in den achtziger Jahren die “Erinnerungsorte Frankreichs” zusammentrug und der Archäologe Jan Assmann 1992 seine Studie zum “kulturellen Gedächtnis” veröffentlichte. Die jährlich zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar wieder aufbrechenden Debatten über unterschwelligen Antisemitismus in Europa oder von politischer Seite formulierte Hoffnungen auf die integrative Kraft europäischer Erinnerung unterstreichen die tagespolitische Relevanz des Themas.

Paradoxerweise sind es gerade Vorschläge im Stile von Kansteiner, die das Zusammenspiel von gesellschaftlicher Praxis und akademischer Reflexion unterschätzen. Im vergangenen Juni konnte man beobachten, wie die von spanischen Studenten programmierte App “Campo di Auschwitz”, die das Leben der Häftlinge des Konzentrationslagers auf dem Smartphone simulierte, weltweit Wellen schlug – und zwar nach einem Drehbuch, das sich der Regie der Autoren umgehend entzog. Nur kurze Zeit später, im Juli 2016, wurde es Besuchern des U.S. Holocaust Memorial Museum in Washington, D. C und des Museum im Konzentrationslager Auschwitz verboten, vor Ort Pokemon Go zu spielen.

Ob nun ein klügeres und vorsichtigeres, mit einem wissenschaftlichen Prüfsiegel versehenes Spiel auch klügere und vorsichtigere Nutzer hätte, ist zweifelhaft. Fachvereinigungen, zumal junge, sollten zunächst wissenschaftliche Maßstäbe erkämpfen und nicht schon als Marketingvereine gegründet werden. Mit der Strategie des Tabubruchs werden Wissenschaftler wenig gesellschaftliches Vertrauen ernten. Auf dieser Bühne ist die Konkurrenz heute bereits groß genug.

FÉLIX KRAWATZEK/RIEKE TRIMCEV

Und hier die pdf des Artikels.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s